WM 2022: Fifa spricht über Menschenrechte und Todeszahlen in Katar

Immer wieder gerät die Fifa wegen der WM 2022 in Katar ins Kreuzfeuer. Jetzt spricht sie im Interview über Menschenrechte, Verschiebe-Gerüchte und Todeszahlen.

Das Wichtigste in Kürze

Die Fifa steht aufgrund der Fussball WM 2022 in Katar regelmässig in Kritik.
Jüngst erhob die Unia schwere Vorwürfe aufgrund den Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter.
Jetzt spricht die Fifa über Menschenrechte, Baustellen-Kontrollen und Todeszahlen.

Die Fussball-WM in Katar steht regelmässig stark in der Kritik. Nach erneuten Arbeiter-Protesten am letzten Wochenende erhob die Gewerkschaft Unia diese Woche heftige Vorwürfe. Der Weltfussballverband Fifa ziehe sich aus der Verantwortung und müsse Firmen sperren, die die Mindeststandards nicht einhalten.

Die Fifa lässt diese Vorwürfe nicht auf sich sitzen. Nach intensiven Gesprächen mit dem weltweiten Menschenrechts-, sowie dem Nachhaltigkeits-Verantwortlichen, erklärte sich der Weltfussballverband dazu bereit, die kritischen Fragen zu beantworten.

Nach einem langen Telefongespräch mit Federico Addiechi, Leiter der Abteilung «Nachhaltigkeit und Vielfalt» der Fifa, beantwortete er die Fragen schriftlich.

Nau.ch: Unter welchem Arbeitsrecht finden die Arbeiten für die Stadien und Infrastruktur der Fussball WM 2022 in Katar statt, welche im Namen der Fifa durchgeführt werden? Gibt es verbindliche Arbeitsbedingungen und Mindestlöhne?

Federico Addiechi: Die Organisatoren der Weltmeisterschaft und die Baufirmen auf den entsprechenden Baustellen sind an das nationale Recht in Katar gebunden. Darüber hinaus hat das «Supreme Committee for Delivery and Legacy», das für den Bau der WM-Infrastruktur verantwortlich ist, seine eigenen Workers’ Welfare Standards entwickelt.

Diese Standards orientieren sich an jenen der Internationalen Arbeitsorganisation und wurden in Konsultation mit Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften entwickelt. Dies entspricht auch dem Bekenntnis der FIFA als Organisation, die für sich den Respekt von international anerkannten Menschenrechten als massgebend betrachtet. Die Einhaltung der katarischen Gesetzgebung und der Workers’ Welfare Standards ist verbindlich für sämtliche Unternehmen auf den Baustellen des Supreme Committees.

Nau.ch: Was tun Sie, damit die Arbeitsbedingungen eingehalten werden und um zu verhindern, dass es – wie die Unia behauptet – auf den Baustellen im Zusammenhang mit der WM (auch ausserhalb der Stadien) zu Verstössen gegen das Arbeits- oder Menschenrechte kommt?

Federico Addiechi: Im Wesentlichen sind drei Arten von Massnahmen zu unterscheiden. Die erste Art von Massnahmen bezieht sich auf die Ausschreibung und Vergabe der Arbeiten. Dabei werden die Unternehmen darauf geprüft, ob sie bereits jetzt mit den Workers’ Welfare Standards vergleichbare Praktiken umsetzen. Als Teil dieser Abklärungen führt das Supreme Committee Inspektionen in den von den Unternehmen benutzten Herbergen und auf bestehenden Baustellen durch.

Firmen, bei denen nicht davon ausgegangen werden kann, dass sie die Workers’ Welfare Standards einhalten werden, werden bei der Vergabe nicht berücksichtigt. Das Supreme Committee führt auch eine schwarze Liste mit Unternehmen, die aufgrund von Verfehlungen in der Vergangenheit nicht für Ausschreibungen zugelassen werden. Diese Firmen müssen sich beim Supreme Committee bewerben um, unter Vorweisung verbesserter Praktiken, wieder für Ausschreibungen in Betracht gezogen zu werden.

Die zweite Phase ist die Überprüfung der Einhaltung der Workers’ Welfare Standards und der katarischen Gesetzgebung auf den Baustellen des Supreme Committees. Den überwiegenden Teil der Inspektionen führen die Experten des Supreme Committees selbst durch. Weitere Inspektionen werden von den katarischen Behörden und von einer durch das Supreme Committee mandatierten unabhängigen Firma aus England, Impactt Ltd, durchgeführt. Zudem finden regelmässige Inspektionen mit der internationalen Bauarbeitergewerkschaft BWI statt. Das Kontrollsystem ist also sehr engmaschig.

Nau.ch: Und was beinhaltet die dritte Massnahme?

Federico Addiechi: Da gehts um Schritte die unternommen werden, wenn Fehlverhalten festgestellt wird. Diese Schritte sind vielfältig und reichen von einer Aufforderung Mängel zu beheben über das Aussetzen oder Beenden der Zusammenarbeit, bis zum Abbruch jeglicher Beziehungen mit dem Unternehmen und der entsprechenden Aufnahme der Firma auf einer schwarzen Liste. Wo Fehlverhalten Verletzungen der katarischen Gesetzgebung beinhalten, werden die Behörden eingeschaltet.

Nau.ch: Betrifft dies nur Baustellen der Fifa oder auch externe?

Federico Addiechi: Wir stellen generell erfreut fest, dass sich die höheren Standards auf den WM-Baustellen auch positiv auf andere Baustellen auswirken, die nicht mit der FIFA in Zusammenhang stehen. So verstärken viele Firmen generell ihre Anstrengungen im Arbeitsrechtsbereich, um bei Ausschreibungen für die WM erfolgreich zu sein und beherbergen beispielsweise all ihre Arbeitenden in besseren Unterkünften.

Ein anderes Beispiel ist die Rückzahlung von illegalen Gebühren, die viele der Arbeiter in ihren Herkunftsländern bezahlen müssen um eine Stelle in Katar zu erhalten. Seit das Supreme Committee begonnen hat, von Unternehmen auf seinen Baustellen einzufordern, dass sämtlichen Arbeitern auf den WM-Baustellen ein bestimmter Betrag erstattet wird, haben viele Firmen diese Praxis für all ihre Arbeiter übernommen. So ist gut die Hälfte der rund 30000 Arbeitern die von diesen Rückzahlungen profitieren, nicht auf WM-Baustellen angestellt.

Nau.ch: Die Unia sagt, gemäss internationalem Gewerkschaftsbund ITUC sowie der nepalesischen und indischen Botschaft, dass bereits ungefähr 1400 Menschen direkt oder indirekt ihr Leben verloren. Also bei Arbeitsunfällen, durch Herzinfarkt, wegen Krankheiten aufgrund ärmlicher Lebensbedingungen und weiteres. Was sagen Sie dazu?

Federico Addiechi: Zunächst möchten wir festhalten, dass die FIFA jeden Todesfall auf Baustellen, die mit ihren Aktivitäten im Zusammenhang stehen, äusserst bedauert und zusammen mit ihren Partnern alles unternimmt, um solch tragische Ereignisse zu vermeiden.

Was die von der Unia erwähnten Zahlen anbelangt ist es kein Geheimnis, dass sich die erstmals von der ITUC veröffentlichten und danach weitgehend unkritisch weiterverbreiteten Zahlen nicht auf die Baustellen der Weltmeisterschaft beziehen. Die Zahlen der internationalen Bauarbeitergewerkschaft, die sich mit jenen des Supreme Committees decken, sprechen von drei unfallbedingten Todesfällen auf den Baustellen des Supreme Committees seit Beginn der Arbeiten.

Zudem sind zwanzig Personen an anderen Ursachen verstorben, während sie in Katar waren und auf Baustellen des Supreme Committees angestellt waren. Gegenwärtig sind insgesamt 27’000 Arbeiter auf den Baustellen des Supreme Committees angestellt. *(Anmerkung der Redaktion am Ende des Artikel)

Nau.ch: Manche Arbeiter bemängeln gemäss Unia, dass sie eingesperrt wären, eng und unter miserablen Umständen wohnen müssten, kein sauberes Trinkwasser und nur unregelmässig Lohn erhielten. Zudem würden Pässe zurückgehalten, damit die Arbeiter nicht in ihre Heimatländer zurückkehren könnten. Wie geht die Fifa mit diesen Vorwürfen um?

Federico Addiechi: Die vielen Kontrollen des Supreme Committees, von unabhängigen Firmen und der Gewerkschaften zeigen, dass dies keine korrekte Beschreibung der Situation auf den Stadionbaustellen ist. Wo Fehlverhalten in dieser Hinsicht festgestellt wird, werden die Firmen entsprechend sanktioniert.

Nau.ch: Wann waren Sie letztmals in Katar? Wie zufrieden waren sie mit der Wohn-Situation der Arbeiter? Was entsprach (nicht) ihren Erwartungen?

Federico Addiechi: Wir selbst waren Ende März zum letzten Mal in Katar und werden im September wieder hinreisen. Wir haben zudem Mitarbeitende unseres Teams, die permanent vor Ort arbeiten. Des Weiteren arbeiten wir sehr eng mit dem Supreme Committee zusammen, bei dem sich mehrere Dutzend Personen mit dem Thema Arbeitsrechte befassen.

Was die Wohnsituation der Arbeitenden anbelangt, ist diese über das Ganze gesehen gut. Dies wird auch von den Gewerkschaften regelmässig anerkannt.

Nau.ch: Die Fifa bekennt sich zu den Menschenrechten. Trotzdem zeigt die erneute Kritik der Unia: Die Vorwürfe halten sich hartnäckig. Warum schafft es die Fifa nicht, diese Vorwürfe nachhaltig aus der Welt zu schaffen?

Federico Addiechi: Das ist für uns schwierig zu sagen. Was wir jedoch sagen können ist, dass wir in Katar und anderswo sehr weitreichende Massnahmen treffen um unser Menschenrechts-Bekenntnis umzusetzen. Wir stellen dabei erfreut fest, dass dies von Organisationen und Experten, die diese Arbeit aus der Nähe verfolgen, auch anerkannt wird.

Wir sind überzeugt, dass unsere Arbeit mittelfristig auch in der breiteren Öffentlichkeit Anerkennung finden wird. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass eine Organisation wie die FIFA sich stets neuen menschenrechtlichen Herausforderungen konfrontiert sieht und wir daher unsere Arbeit kontinuierlich anpassen und vertiefen müssen.

Nau.ch: Sollte die Fifa die Zusammenarbeit mit den katarischen Akteuren beenden, wenn diese nicht in der Lage sind, die Menschenrechte zu wahren? Angeblich denkt die Fifa über einen Wechsel des Gastgeberlandes nach.

Federico Addiechi: Wir arbeiten sehr gut mit unseren katarischen Partnern zusammen. Dies gilt sowohl im Bereich der Arbeitsrechte, als auch in anderen menschenrechtlichen Bereichen wie der Pressefreiheit, Anti-Diskriminierung oder dem Menschenrechtsschutz durch die Sicherheitskräfte. Wir sind zusammen mit vielen Experten überzeugt, dass die Weltmeisterschaft in Katar das Land in Sachen Menschenrechten nachhaltig zum Besseren verändert.

*Anmerkung der Redaktion: Die umstrittenen Todeszahlen wurden vor einem Jahr von der Menschenrechts-Organisation Human Rights Watch untersucht und dementiert. Gemäss ihrem Bericht seien mindestens 21 Arbeiter bei Arbeitsunfällen auf FIFA-Baustellen gestorben. Dabei beruft sich die Organisation auf die Internationale Gewerkschaft für Bau- und Holzarbeiter.