Tanzen, trinken, Auto fahren – Saudi-Arabien öffnet sich

Der saudische Kronprinz gewährt Frauen mehr Rechte und baut eine Tourismus- sowie Unterhaltungsindustrie auf. Manchen geht das schon zu weit. Ein Ortsbesuch.

Riad Sie habe sich wie nackt gefühlt, als sie kürzlich ohne Schleier mit ihrer schwarzen, bodenlangen Abaya durch die Flaniermeile von Riad spazierte. Nach der Abschaffung der strengen Kleidervorschriften für Frauen sei das jetzt zwar erlaubt, sagt die 33-jährige Nur, die in Riad in einem staatlichen Institut für Präventivmedizin arbeitet und ihren vollen Namen nicht nennen will.

Trotzdem hat sie die neue Freiheit bisher kein zweites Mal genutzt. Sie fühlt sich nicht wohl, wenn sie ohne die traditionelle Kleidung aus dem Haus geht. Sie würde es zwar sehr gerne tun. Einerseits. Aber anderseits halten der Respekt gegenüber ihren Eltern, der soziale Druck sowie die Macht der Gewohnheit die Medizinerin davon ab, die Abaya, das traditionelle islamische Überkleid islamischer Frauen, abzulegen.

Wenn sie in der Wüste außerhalb der Hauptstadt Sport treibt, macht sie eine Ausnahme. „Die Abaya auf dem Fahrrad oder beim Joggen ist extrem unpraktisch“, sagt sie.

Seit Saudi-Arabiens Kronprinz Mohamed bin Salman die Revolution angestoßen hat, verändert sich das Wüstenreich in atemberaubendem Tempo. Hintergrund ist sein ehrgeiziges Ziel, das Land mit seinen 30 Millionen Einwohnern von der gefährlichen Ölabhängigkeit zu befreien.

Dafür hat er die „Vision 2030“ entworfen, einen verbindlichen Kompass für den Weg in die Zukunft. Dazu gehört unter anderem der Aufbau einer Unterhaltungsindustrie und die Öffnung des Landes für den Tourismus.

Mehr Gleichberechtigung für Frauen

Auch Frauen, bisher Bürger zweiter Klasse, sollen ihren Beitrag leisten. Deshalb passt MbS, wie der Kronprinz nach seinen Initialen genannt wird, ihre Rechte der Moderne an. Seit etwa einem Jahr dürfen sie selbst Auto fahren und brauchen keine Bewilligung eines männlichen Vormunds mehr, wenn sie ins Ausland reisen oder eine Wohnung mieten wollen.

Die nach Geschlechtern getrennten Eingänge zu Banken, Restaurants oder staatlichen Ämtern sind nicht mehr Vorschrift, und im Büro dürfen Frauen und Männer im selben Raum zusammenarbeiten.

Doch Nur ist nicht die einzige, die sich mit den Reformen schwertut. Er fühle sich wie auf dem Rücksitz eines schnell fahrenden Autos, meint der 40-jährige Ingenieur Mouhab, der in der Nähe von Riad in leitender Position für die Logistik eines Klimaspezialisten arbeitet: „Wir sehen nicht, wohin die Reise geht und beten, dass der Fahrer weiß, wie er einen Crash verhindern kann.“ Er fühle sich „verloren und ohne Orientierung“. Zeit seines Lebens habe er die traditionellen Normen verinnerlicht – und jetzt soll alles falsch gewesen sein?

Wieder anderen geht der Wandel nicht schnell genug. Saudi-Arabien ist eine Stammesgesellschaft, und in den Stämmen gelten nach wie vor konservative Verhaltensnormen, herrscht ein erdrückender Konformitätszwang sowie der Zwang, sich althergebrachten Hierarchien unterzuordnen.

„In der Gesellschaft verändern sich die Dinge deshalb nur sehr langsam oder überhaupt nicht,“ seufzt eine Rechtsanwältin in Dammam, die ihren Namen gar nicht nennen möchte. Sie sagt: „Wir bräuchten dringend ein Gesetz, das uns vor den Stämmen schützt, die uns unser Leben diktieren wollen.“

Kritiker verhaftet

Reformbemühungen wurden zwar bereits vor mehreren Jahren eingeleitet. Aber sie waren so zaghaft, dass man sie kaum wahrnahm. Um das Tempo nun zu beschleunigen, hat der saudische Kronprinz konservative Kleriker verhaften lassen oder entmachtet.

Das Wort haben jetzt diejenigen Imame, die sich dem Vorwärts-Kurs nicht widersetzen. Ende November sagte zum Beispiel ein einflussreicher Prediger dem saudischen Fernsehen, dass schon zu Zeiten des Propheten Mohammed gesungen und musiziert worden sei.

In den vergangenen Monaten seien die sozialen Veränderungen sehr „drastisch“ gewesen, freut sich Cyma Azyz, die bis vor zwei Jahren bei einem saudischen TV-Nachrichtensender moderierte. Sie genießt die neuen Freiheiten, verzichtet auf die Abaya und trägt statt eines Kopfschleiers eine schicke Baskenmütze.

Die 38-Jährige gehört zu den Fans von MbS: „Ich bewundere ihn“, versichert sie. Er setze zielstrebig seine Vision um, aus Saudi-Arabien ein „normales Land“ zu machen. Ihren etwas jüngeren Kollegen, der sie begleitet und der sich als Mohammed Bin Fahad vorstellt, nennt sie „MbF“ – vielleicht in Anspielung auf das Kürzel des Kronprinzen. MbF bezeichnet sich als Influencer, der auf sozialen Medien für das neue, moderne Image Saudi-Arabiens wirbt.
Das Königreich, das bis vor kurzem fast ausschließlich Geschäftsleute sowie Mekka- und Medina-Pilger ins Land ließ, bemüht sich jetzt aktiv um Urlauber aus dem Westen. Das Visum kann nun online bestellt werden.

Gerüchte besagen, dass künftig selbst der Genuss von Alkohol – bislang noch als Sakrileg geahndet – zumindest in den 5-Sterne-Hotels außerhalb der beiden Heiligen Städte erlaubt sein soll. Saudi-Arabien eifert Dubai nach.

Saudi-Arabien wieder Ziel für Tourismus?

Bislang war Saudi-Arabien für Touristen nicht gerade attraktiv: Kinos, Theater oder Konzerte waren verboten. Besuche in einem Starbucks gehörten zum Spannendsten, was es an Freizeitangeboten gab – wobei Frauen in abgetrennten Räumen sitzen mussten.

Die Religionspolizei überwachte die Einhaltung der guten Sitten. Frauen, die nicht voll verhüllt waren, oder Männer, die eine Frau in einer Mall schüchtern anlächelten, wies sie grob zurecht oder bestrafte sie gar. „Sie haben uns unser Leben gestohlen“, sagt ein 70-jähriger Leiter eines mittelgroßen Unternehmens am Rande der Hauptstadt. Die Religionspolizei hat der Kronprinz entmachtet. Nun kann es sogar vorkommen, dass eine Frau einen fremden Mann anspricht, ohne dass sie dafür sanktioniert wird.

Zu den auffallendsten Veränderungen gehört die neue Vergnügungsszene. So traten Ende November in der Hauptstadt Stars wie der kolumbianische Popänger Maluma oder die US-Rock-Band „Imagine Dragons“ auf. Unterhaltung und Kultur sind jetzt Chefsache.

MbS hat eine „General Authority for Entertainment“ gegründet, die nicht nur Pop-Konzerte organisiert, sondern auch Theater- und Kinovorführungen oder Opernabende. Spaß, einst unterdrückt, wird jetzt vom Staat organisiert und mit einem Milliardenbudget gefördert.

Der Kronprinz baut Schaubühnen und will mit Sportereignissen in der ersten Liga mitspielen, ganz nach dem Vorbild Katars, das die Fußball-WM 2022 ausrichtet oder der Vereinigten Arabischen Emirate, wo ATP-Tennisturniere stattfinden.

Kritik aus dem Westen

Im Westen stoßen die Groß-Veranstaltungen mitunter auf Kritik. Mit ihnen betreibe das Regime „Sportwashing“, heißt es. Kritiker vergleichen die Events mit den Zirkusspielen im alten Rom, die das Volk bei guter Laune halten sollen, während Menschenrechte verletzt, Andersdenkende unterdrückt und – wie der regimekritische Journalist Jamal Khashoggi im vergangenen Jahr – ermordet werden. Das Urteil gegen die angeblichen Mörder Khashoggis bezeichnet eine Uno-Expertin als „Farce“. So weigert sich etwa Tiger Woods, für ein internationales Golfturnier nach Saudi-Arabien zu reisen.

Von den neuen Freiheiten bleibt ein Bereich ausgeschlossen: die Politik. Saudi-Arabien bleibt eine absolute Monarchie. Das Königshaus hält an seiner Macht fest und lässt sich dabei nicht tadeln. Wer vorsichtig ist – und das sind die meisten – vermeidet jede Kritik am Kronprinzen und seinem Vater König Salman.

Mit Politik wolle sie nichts zu haben, sagt auch die Moderatorin Cyma Azyz und spricht das Wort Politik so abschätzig aus, also würde es sich dabei um etwas Anstößiges handeln. „Bei uns gibt es keine politischen Parteien“, meint sie ganz ohne Zynismus. „Wir sagen zu allem, was der Kronprinz sagt, ‚Amen‘.“ Das hält sie offenbar für nicht ganz verkehrt. „Schau doch, was in Syrien oder in Ägypten passiert ist, nachdem das Volk gegen die Regierung rebelliert hat“, sagt sie. Sie genießt deshalb lieber ihre neuen Freiheiten, statt sich mit Politik zu befassen.

Azyz ist keine Ausnahme. Kritische Fragen zum Kronprinzen werden geflissentlich überhört. Von Berichten über die Verhaftung und Folter von Frauenrechtlerinnen, Regimekritikern oder Atheisten habe er „nie etwas gehört“, beteuert ein Kaufmann in Dammam.

Und den jüngsten Vorwurf der Uno, dass es „glaubhafte Hinweise“ für eine persönliche Verantwortung des Kronprinzen am Mord des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi gebe, hält er für eine haltlose Behauptung, die der Westen, der eh gegen Saudi-Arabien eingestellt sei, kritiklos verbreite. Der Weg hin zu einer wirklich offenen Gesellschaft ist in Saudi-Arabien noch weit.