Stellvertreterkrieg am Mittelmeer: Wird Libyen das neue Syrien?

Der Bürgerkrieg in Libyen wird immer mehr zum internationalen Konflikt. Auf der einen Seite: Saudi-Arabien und Ägypten. Auf der anderen: die Türkei. Und der „Islamische Staat“ breitet sich auch wieder aus.

Der libysche Brigadegeneral Sadiq Miftah Al-Liwati, Chef für innere Sicherheit in Adschdabija, hatte es besonders eilig. Innerhalb von 48 Stunden, so seine Anweisung am Sonntag, sollten alle türkischen Staatsbürger festgenommen werden, die sich in seiner Stadt aufhielten, alle Läden und Restaurants geschlossen werden, in denen Türken arbeiteten, und alle Schilder und Poster entfernt werden, auf denen etwas auf Türkisch stehe.

Damit setzte er besonders eifrig die Signale von Warlord General Chalifa Haftar um, dem Chef der selbsternannten Libyschen Nationalarmee (LNA), die sich einen Bürgerkrieg mit der international anerkannten Regierung liefert. Zuletzt hatte Haftar den Ton gegenüber der Türkei verschärft.

Mindestens sechs türkische Staatsbürger befanden sich vorübergehend in der Gewalt von Haftars Kämpfern. Türkischen Medienberichten zufolge habe es sich um sechs Seeleute gehandelt, die inzwischen jedoch wieder frei seien.
Libysche Medien berichteten, dass zudem in Adschdabija zwei Angestellte festgenommen worden seien, die in der Stadt seit rund 20 Jahren arbeiteten. Sie sollen jedoch ebenfalls wieder freigelassen worden sein, meldete die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf Sicherheitskreise.
Die Türkei hatte die sofortige Freilassung ihrer Staatsbürger gefordert und mit Konsequenzen gedroht.

Mit dem rabiaten Vorgehen gegen alles Türkische will Haftar ablenken von einer überraschenden Niederlage: Vergangene Woche hatten seine Truppen die strategisch wichtige Stadt Gharyan wieder verloren, die sie im April erobert hatten. Gharyan liegt rund 80 Kilometer südlich von der Hauptstadt Tripoli, die Haftar erobern will, und diente seinen Truppen als logistisches Drehkreuz für Nachschub und Munition.

Der Konflikt in Libyen wird immer mehr zum Stellvertreterkrieg

Vor allem hofft Haftar wohl, dass er mehr Hilfe bekommt, wenn er den Konflikt mit der Türkei schürt. Denn der Machtkampf in Libyen wird immer stärker überlagert von einem regionalen Stellvertreterkrieg.

Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten wollen General Haftar mit Gewalt zum neuen starken Mann Libyens machen. Dazu muss er Tripolis erobern.

Katar und die Türkei dagegen unterstützen die international anerkannte Regierung in Tripolis, Islamisten und andere Gegner Haftars. Sie wollen verhindern, dass Haftars Truppen Tripolis erobern.

Zwischen den beiden Lagern tobt ein Machtkampf um die regionale Vorherrschaft. Zudem geht es um die Kontrolle der Handelsrouten im Mittelmeer – und um viel Geld: Libyen ist ein reiches Land mit großen Erdöl- und Erdgasvorräten; der Wiederaufbau wird ein Milliardengeschäft.

Türkische Drohnen und US-amerikanische Panzerabwehrsysteme

Seit Mai kommen im Kampf um Tripolis Drohnen türkischer Bauart zum Einsatz, und auch türkische gepanzerte Wagen werden regelmäßig gesichtet. „Sollten Türkei und Katar ihre Unterstützung für Tripolis noch weiter ausweiten, könnte dies Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate dazu bringen, ihre militärischen Hilfen an Haftar zu verstärken“, warnte der European Council on Foreign Relations jüngst.

Dies scheint bereits zu geschehen: Vergangene Woche wurde bekannt, dass Haftars Truppen über amerikanische Panzerabwehrsysteme verfügen, die eigentlich nur an enge Verbündete Washingtons verkauft werden – wie die VAE.

Die US-Regierung will nun untersuchen, wie diese Waffen nach Libyen kommen konnten. Wenn die VAE sie weitergegeben hätten, hätten sie sowohl gegen den Waffendeal mit den USA als auch gegen ein Uno-Waffenembargo verstoßen, das gegen Libyen verhängt wurde.

Inmitten des Chaos breitet sich auch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ wieder aus, die in Libyen bereits zurückgedrängt war. Der European Council on Foreign Relations warnt bereits, dass Libyen zur „unlösbaren regionalen Krise in syrischem Ausmaß“ werden könnte.