Patriarch Rai besorgt über Lage im Libanon

Der Libanon befindet sich laut Kardinal Bechara Rai in einer nie dagewesenen Krise. „Selbst während des Bürgerkriegs war die Situation nicht so dramatisch wie momentan“, sagte der Patriarch bei einem Besuch von Erzbischof Stephan Burger.

Die Politik habe das libanesische Volk durch schlechte Führung und Korruption zu Bettlern gemacht, so Rai am Montag an seinem Amtssitz in Bkerke nördlich von Beirut. Während noch in den 80er Jahren rund 80 Prozent der Libanesen zur Mittelschicht gehört hätten, lebten mittlerweile mehr als 40 Prozent in prekären Verhältnissen.

Gleichzeitig sei der Vertrauensverlust der Menschen in die Politik enorm und habe zu einem Graben zwischen dem Volk und seinen Politikern geführt. „Wir sind in der Tiefe des Tals und müssen dort wieder herauskommen“, so der Kardinal.

Libanon im Fokus der Misereor-Fastenaktion

Rai äußerte sich bei einem Treffen mit einer Delegation des Entwicklungshilfswerks Misereor. Unter dem Motto „Gib Frieden!“ stellt die diesjährige Misereor-Fastenaktion die Arbeit von Partnerorganisationen in Syrien und Libanon in den Fokus.

Wachsende Armut sei auch für katholische Einrichtungen wie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser ein Problem. Gleichzeitig komme gerade den katholischen Schulen „eine wichtige Bedeutung zu, um das kulturelle Niveau im Libanon zu erhalten“, so der Patriarch. Die Kirche versuche, ihre Dienste so gut es geht aufrecht zu erhalten und die Menschen zu ermutigen.

Rai bekräftigte erneut die Position der libanesischen Kirchenführer, die sich hinter die Forderungen der Demonstranten stellten. Zugleich mahnte er, der neugebildeten Regierung „eine Chance zu geben“, um so „den herrschenden Stillstand zu durchbrechen“.

Erzbischof Burger und Primin Spiegel zu Besuch

Im Libanon halten seit Mitte Oktober Massenproteste gegen die politische Führungsriege, Missstände und Korruption im Land an; sie hatten Ende Oktober zum Rücktritt von Ministerpräsident Saad Hariri geführt. Auch nach der Ernennung einer neuen Regierung dauerten die Demonstrationen an.

Vertreter von Misereor, darunter auch der Freiburger Erzbischof Stephan Burger sowie Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel, halten sich bis Samstag im Libanon auf. Auf dem Programm stehen neben Projektbesuchen auch Treffen mit Partnerorganisationen und Kirchenvertretern.