Anklage in Saudi-Arabien: VW droht auch noch das Scharia-Gericht

Ein ehemaliger Bentley-Händler aus Saudi-Arabien verklagt Volkswagen, weil der Konzern sich einen anderen Partner suchte. Und beruft sich auch auf die Weisungen Mohammeds: „Hintergeht euch nicht gegenseitig beim Handel.“

An juristischen Ärger ist man bei Volkswagen längst gewöhnt. Fast täglich treffen sich seit Bekanntwerden des Dieselskandals Anwälte von enttäuschten Kunden oder Investoren mit den Juristen des Konzerns irgendwo in Deutschland vor Gericht. In der VW-Rechtsabteilung hat man eigentlich schon alles gesehen.

Und doch sticht eine Klageschrift heraus, die schon bald auch auf den Schreibtischen in Wolfsburg landen wird. Statt Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches zu bemühen, zitiert die Multimillionenklage den Propheten Mohammed: „Hintergeht euch nicht gegenseitig beim Handel“, soll er laut der Klageschrift gesagt haben. Volkswagen soll gegen dieses Gebot verstoßen haben und sich dafür schon bald vor einem Scharia-Gericht verantworten.

Eingereicht hat die Klage der Scheich Ghassan A. Al Sulaiman vor dem Handelsgericht in der saudischen Stadt Jeddah. Angeblich geht es um einen Verlust von rund einer Milliarde Saudischer Riyal – umgerechnet fast 240 Millionen Euro.

Scheich Ghassan gehörte einmal zu den wichtigen Autohändlern im Königreich Saudi-Arabien. Das Land im Nahen Osten hat durch seinen Ölreichtum eine große Zahl wohlhabender Autoliebhaber. Denen verkaufte Al Ghassan Motors Lamborghinis, McLarens – und Bentleys. Doch 2017 suchte sich der VW-Konzern, zu dem die britische Marke Bentley gehört, einen neuen Partner in Saudi-Arabien, es kam zum Bruch mit Scheich Ghassan.

Glaubt man der Klageschrift, die WELT AM SONNTAG in übersetzter Form vorliegt, dann soll Volkswagen verhindert haben, dass ein Investor bei Al Ghassan Motors (AGM) einsteigen konnte. Stattdessen habe sich Bentley auf Druck des Mutterkonzerns einen neuen Handelspartner in Saudi-Arabien gesucht.

Keine Belege für Korruption

In Klägerkreisen ist sogar von möglicher Korruption durch den neuen Handelspartner die Rede, der mit Geschenken dafür gesorgt haben soll, dass andere Interessenten trotz höherem Angebot nicht zum Zuge gekommen sein sollen.

Allerdings finden sich diese Anschuldigungen nicht einmal in der Klageschrift wieder, Belege für Zahlungen oder Geschenke gibt es nicht. Bei VW soll nach Informationen aus Unternehmenskreisen eine interne Untersuchung keine Anhaltspunkte auf Fehlverhalten von Mitarbeitern ergeben haben.

Al Ghassan Motors wirft Volkswagen vor, dass der deutsche Konzern das saudische Wettbewerbsrecht gebrochen habe. In Wolfsburg will man den Streit offiziell nicht kommentieren. „Eine etwaige Klage eines ehemaligen Vertriebspartners einer Konzernmarke in Saudi-Arabien gegen die Volkswagen AG ist uns bislang nicht zugestellt worden“, sagte ein Sprecher. „Daher können wir uns zu entsprechenden Inhalten einer etwaigen Klage nicht äußern.“

Um den Streit zu verstehen, muss man wissen, dass der gesunkene Ölpreis in Saudi-Arabien eine Krise im Automarkt ausgelöst hat. Plötzlich gab es 2016 nicht mehr für jeden neuen Sport- oder Luxuswagen einen Käufer.

Verkaufsrückgang in Saudi-Arabien

Stieg die Zahl der in Saudi-Arabien verkauften Fahrzeuge von 2005 bis 2015 stark von rund 563.000 auf 830.000 an, brach der Absatz 2016 auf 656.000 Autos ein. Das machte damals auch AGM zu schaffen, deshalb suchte Scheich Ghassan nach einem zusätzlichen Geldgeber.

Tatsächlich gab es interessierte Unternehmen, die zumindest unverbindliche Angebote für einen Einstieg oder eine Übernahme von AGM abgaben, das zeigen vertrauliche Dokumente, die WELT AM SONNTAG vorliegen.

Doch Bentley hätte laut der Händlervereinbarung zustimmen müssen, bevor neue Investoren einsteigen konnten. Diese Zustimmung verweigerte die Marke und begründete das damit, dass es sich um eine Vorgabe des Mutterkonzerns gehandelt habe. Deshalb richtet sich die Klage nun gegen VW.

In Konzernkreisen gibt man sich gelassen trotz der Multimillionenklage. Der Vertrag mit dem Händler sei ordentlich gekündigt worden, weil man unzufrieden mit den Verkaufszahlen gewesen sei, heißt es.

Mangelnde Kundenzufriedenheit vorgeworfen

Tatsächlich gehen diese Beschwerden auch aus Briefen des Bentley-Managements hervor. Zwar hat AGM in vergangenen Jahren durchaus erfolgreich Bentley-Fahrzeuge verkauft, doch das Niveau der Verkäufe und der Kundenzufriedenheit sei an allen drei saudischen Standorten von AGM „durchweg unter die Erwartungen abgefallen“, schreibt der damalige Vertriebschef Andreas Offermann im Oktober

Zudem habe man 58 von AGM bestellte Autos gebaut und geliefert, sie seien aber nicht bezahlt worden. Insgesamt schulde der Scheich Bentley noch knapp 24,7 Millionen Dollar.

Scheich Ghassan ist dem Vernehmen nach mit seinem Autohandel inzwischen nach Frankreich umgezogen und verkauft in Nizza Lamborghinis – ebenfalls eine Marke des VW-Konzerns. Allerdings, so ist aus Wolfsburg zu hören, werde auch dieser Vertrag gekündigt. Sorgen müsse man sich um den Scheich aber nicht machen. „Der betreibt den Autohandel wohl ohnehin eher als Hobby“, mutmaßt ein Insider.