Algerien: Ein potenzieller Tourismusriese im Tiefschlaf

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1600 Kilometer schönste mediterrane Küstenlinie, atemberaubende Bergketten, reiche Kultur: Eigentlich müsste Algerien ein touristischer Hotspot sein. Ist es aber nicht. Warum eigentlich nicht?

Kürzlich wurden in französischen Medien die neusten Zahlen aus dem algerischen Tourismus herumgereicht: Die «Grande Nation» schaut eben noch gerne, was in ihrer früheren Kolonie wirtschaftlich läuft, irgendwo zwischen Selbstmitleid («wir hätten es besser gemacht») und Schadenfreude («die kriegen’s alleine nicht hin») oszillierend. Wie auch immer man zu Algerien steht, die Zahlen sind ernüchternd: 2017 generierte das Tourismusgeschäft in Algerien gerade mal umgerechnete 300 Millionen Euro Umsatz, was 1,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmacht. Total wurden irgendwo zwischen 2,3 und 2,7 Millionen Touristen empfangen – so genau scheint das keiner zu wissen, denn es gibt keine präzise Tourismus-Statistik. Klar ist nur, dass in dieser Zahl auch über eine Million Einreisen von Ausland-Algeriern mitgezählt sind, welche ihre Familien im Heimatland besuchen.

Laut einheimischen Tourismus-Vertretern dürfte die Anzahl ausländischer Touristen im Land, welche ihre Reise über ein Reisebüro gebucht haben, jährlich zwischen 2000 und 3000 Personen schwanken. Die meisten internationalen Einreisenden sind Geschäftsleute, dazu als Touristen einige Selbstbucher, zumeist Abenteurer, welche die Wüstengegenden auf eigene Faust erkunden.

Der Tourismus kommt nicht vom Fleck

Bereits vor fünf Jahren hatte Premierminister Abdelmallek Sellal gesagt, dass man den Tourismussektor deutlich stärken wolle. Eigentlich bietet Algerien alles: Eine Mittelmeerküste, die deutlich länger und abwechslungsreicher ist als jene der nordafrikanischen Nachbarländer, dazu viel Kultur, antike Ruinen, Minreralquellen, schöne Märkte, Gebirgszüge und mehr. Klar, dass man sich auch ein Stück des wachsenden globalen Reisekuchens abschneiden will. Und so sieht man an der ITB Berlin plötzlich grosse Algerien-Stände, hört von tollen Prognosen und dem riesigen Potenzial.

Nur: Das algerische Tourismusministerium gehört inzwischen zum Umweltministerium; die Tourismusminister haben im Jahrestakt gewechselt und die Budgets sind regelmässig beschnitten worden: Von 4,2 Millionen Dinar im Jahr 2012 (schon damals lächerliche 35‘000 Franken) auf noch 3,1 Millionen Dinar (26‘000 Franken) im ablaufenden Jahr. Es gibt also ein Promotions-Problem: Wer etwas über das Tourismusangebot im Land herausfinden will, muss bei spezialisierten Reiseveranstaltern nachfragen, wovon es nur wenige gibt, oder sich auf Facebook, Tripadvisor und anderswo durchschlagen.

Eine echte Investition in Infrastrukturen hat trotz aller Ankündigungen ebenfalls nicht stattgefunden. Darüber hinaus leidet Algerien natürlich auch unter den Sicherheitsbedenken europäischer Touristen gegenüber nordafrikanischen Ländern im Allgemeinen.

Dass Algerien trotz unbestrittenem Potenzial im Tourismusgeschäft rund ums Mittelmeer so gut wie keine Rolle spielt, hat also hauptsächlich mit eigenem Unvermögen, aber auch mit ungünstigen Konstellationen in den letzten Jahren zu tun. Was tun?

Die Regierung ist gefragt

Schon 2006 hörte man von algerischen Tourismusministern, dass das Land touristisch innert kurzer Zeit im Konzert der Grossen mitspielen könnte. Zwölf Jahre und mehrere Regierungen später ist immer noch nichts daraus geworden. Die touristische Infrastruktur ist karg, das Serviceniveau ist tief, die Sicherheitslage nicht über alle Zweifel erhaben, und doch sind die Dienstleistungen vergleichsweise teuer. Für die Einreise brauchen Bürger der meisten Länder, auch der Schweiz, ein Visum, welches aktuell 70 Franken kostet. Alles in allem also kein attraktives touristisches Produkt.

Insgesamt verfügt Algerien – ein Land, das mit 2,382 Millionen Quadratkilometern etwa 58 Mal so gross wie die Schweiz ist und auf Rang 11 der grössten Länder der Welt liegt – gerade mal über 110‘000 Betten, davon nur 50‘000 am Meer. Das ist viel zu wenig.

Solange sich die algerische Regierung nicht dazu überwindet, den Tourismus wirklich auf breiter Basis und mit langfristigen Projekten zu stützen – statt davon auszugehen, dass es das Potenzial von alleine richtet – wird Algerien weiterhin ein touristisches Mauerblümchen-Dasein fristen. Was wirklich schade wäre.