Eintauchen in fremde Welten – der süße Zauber Nordafrikas

article inline
 
 
 

Agadir  Im November beginnt Marokkos Hauptsaison für deutsche Urlauber. Es zieht sie an die Strände Agadirs und in die Souks der Städte.

In der Stunde des Sonnenuntergangs ganz allein über den Djemaa el Fna zu bummeln, den berühmten Platz der Gaukler, Akrobaten und Schlangenbeschwörer im Zentrum von Marrakesch, das braucht schon ein bisschen Mut. Fremdartig und unüberschaubar wirkt die gigantische Open-Air-Bühne, auf der sich die Kulturen der Berber und der Araber, der Wüstensöhne und des schwarzen Afrika begegnen, einzigartig in der Welt.

Unmöglich, irgendwo stehen zu bleiben, den bunt geklei­deten Gnawa-Tänzern und Trommlern mit ihren bestickten Käppis zuzuschauen oder den Geschichtenerzählern zu lauschen, ohne dass ein Tribut verlangt wird. Wer fotografiert, wird harsch zur Kasse gebeten. Ein Stückchen weiter sitzen auf Schemeln Kosmetikerinnen, die jungen Mädchen Blumenmuster auf Hände und Arme zaubern. Sofort bieten sie mit ihren langen Nadeln auch der Fremden ihre Dienste an. Überall dampft und brodelt es in Garküchen, um die sich Einheimische drängen, während mittendrin an langen Tischen Touristen speisen.
Größtes Touristenzentrum des Landes ist Agadir

Am Rande des riesigen Platzes liegt ein paar Stockwerke hoch das „Café de France“ mit dem besten Blick auf den Djemaa el Fna, der übrigens seit einigen Jahren als „Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ unter dem Schutz der Unesco steht. Dort oben sind wir zu einem Nus Nus verabredet, einem Milchkaffee. Weithin sichtbar leuchtet jetzt das ­Minarett der uralten Kou­toubia-Moschee, des Wahrzeichens von Marrakesch. Später werden wir nördlich des Platzes in die Souks einbiegen und zu viert durch die quirligen Basargassen spa­zieren. Es fällt schwer, den wunderschönen Keramikschalen und -schüsseln zu widerstehen oder gar einer Lampe wie aus „Tausendund­einer Nacht“. Doch ohne nervenstarkes Feilschen mit den gewieften Händlern zahlen Touristen mindestens den doppelten Preis.

Wenn es im November kalt wird in Deutschland, beginnt in Marokko die Hauptsaison. Die allermeisten deutschen Urlauber zieht es nach Agadir, an die kilometerlangen Sandstrände an der Westküste, gut 250 Kilometer südlich von Marrakesch. Auch die Hotel­anlagen mit ihrem orientalischen Flair und ihren großzü­gigen Pools locken viele Sonnenhungrige. Agadir ist das mit Abstand größte Touristenzentrum des Landes, ein international beliebtes Seebad mit versprochenen 330 Sonnentagen im Jahr. Im Hinterland liegt die fruchtbare Souss-Ebene, aus der im 16. Jahrhundert die Saadier kamen, die in Agadir einen wichtigen Handelshafen für Agrarprodukte errichteten. Das historische Zentrum gibt es heute nicht mehr, nachdem die Stadt im Februar 1960 durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört wurde. Im wiederaufgebauten Agadir drei Kilometer weiter südlich fehlt es an Sehenswürdigkeiten.

Die Stadt Taroudannt wird „Klein-Marrakesch“ genannt

Das brachte den Geschäftsmann und Künstler Coco Polizzi auf die Idee, der Stadt eine Medina zu schenken, wie es sie auch vor dem Erdbeben nicht gab. Seine künstliche Altstadt ist aus Sandstein, Holz und Lehm in einem architektonischen Stilmix erbaut. Führer Abdollah in blauer Dschellaba führt uns gut gelaunt durch Bogengänge und verwinkelte Gassen mit schmuckvollen Türen und Fenstern, immer zu einem Scherz aufgelegt. Leider beherbergt die Medina Polizzi das beliebte Kunsthandwerkerdorf nicht mehr, vielleicht, weil die Shuttlebusse der großen Hotels nicht mehr kommen.

Wenn die Badegäste nach ein paar Tagen Neues erleben möchten, bietet sich ein Ausflug nach Taroudannt an, 80 Kilometer östlich von Agadir. Die Stadt ist sehr authentisch geblieben. Beeindruckend sind die vollständig erhaltenen rötlichen Lehmmauern, die die einstige Hauptstadt der Saadier umgeben. „Klein-Marrakesch“ wird ­Taroudannt gern genannt, auch wegen seiner Lage vor der Kulisse meist schneebedeckter Gipfel des Hohen Atlas und seiner verwinkelten Souks, berühmt für Silberschmuck, Lederwaren und Kupferschmiedearbeiten.

In der Mittagshitze treten wir durch eine unscheinbare Holztür in der dicken Lehmmauer und stehen plötzlich in einem zauberhaften, schattigen Innenhof, von üppigen Tropenpflanzen gekühlt. Längs eines Wasserlaufes wachsen Bäume mit afrikanischen Früchten, mächtige Fächerfarne und Kakteen, ein Drachenfruchtbaum. Monsieur Ollivier Verra führt uns in der Gartenlodge Dar Al Hossoun umher, zeigt die lauschigen Plätze inmitten all der Pflanzenpracht, die Zimmer mit Außendusche, bevor auf der Veranda ein typisch marokkanisches Essen serviert wird: Tajine aus Engelshaar-Spaghetti, Hammel oder Huhn und Gemüse.

Es lohnt sich, in Taroudannt ein bisschen Zeit einzuplanen, um das bunte Treiben auf der zentralen Place al-Alaouine zu erleben, zu dem auch Geschichtenerzähler und Straßen­musikanten gehören. In der Umgebung kann man zu sogenannten Agadiren, den uralten Speicherburgen der Berber, wandern oder in der nahe gelegenen Oase Tiout am Fuße des Anti-Atlas spazieren gehen. Obstbäume in gestaffelten Etagen wachsen hier, Johannisbrot- und Granatapfelbäume, Feigen, weibliche und männliche Dattelbäume in einigem ­Abstand voneinander. Über der Oase thronen die ockerfarbenen Mauern einer Kasbah, einer mächtigen Festung. Dort sei neuerdings ein Restaurant eingezogen, sagt unser Begleiter Mohamed.

Der Jardin Secret ist ein typisch islamischer Garten mit vier Achsen

Wir trinken lieber frisch gebrühten Tee bei einem Bewohner des Oasendorfes, dazu wird eine köstliche Paste aus Mandel, Honig und Arganöl gereicht. Später werden wir einen Arganbaum sehen, in dessen üppiger Krone Dutzende Ziegen klettern. Sie fressen die Blätter und wohl auch Schalen der Früchte, aus denen wertvolles Argan­öl gepresst wird. Dieser Baum komme nur in wenigen Gebieten Südmarokkos und Algeriens vor, sagt Mohamed.

Taroudannt liegt auf der Strecke von Agadir nach Marrakesch, wo wir nach gut drei Stunden Autofahrt ankommen. Mitten in der Altstadt, nur ein paar Gehminuten vom Trubel des Djemaa el Fna und der Basargassen entfernt, entdecken wir einen „geheimen Garten“, der erst kürzlich eröffnet wurde. Die Ursprünge des Jardin Se­cret reichen mehr als 400 Jahre in die Saadier-Dynastie zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte er einfluss­reichen marokkanischen Politikern. Später war er nach langer Vernachlässigung vollständig zerstört. Nach dreijähriger Restaurierung ist der Garten nun seit 2016 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich.

Der Jardin Secret ist ein typischer islamischer Garten mit vier Achsen. Das Besondere ist das ­artesische Bewässerungssystem, das ohne Pumpe funktioniert. In einem kleineren Teil sind exotische Pflanzen aus aller Welt zu bewundern. Es ist ganz still in diesem Garten. Und steigt man auf einen Turm hinauf, wird man mit einem Rundumblick auf die gesamte Medina und die Gipfelkette des Hohen Atlas belohnt.

Und es gibt noch einen neuen paradiesischen Garten im Ourika-Tal, 27 Kilometer südöstlich von Marrakesch: „Anima“ heißt das Wunderwerk des Multimediakünstlers André Heller. Wir treten durch eine schwere Holztür und sind sofort wie verzaubert von der wilden Schönheit haushoher Palmen, gigantischer Kakteen, mächtiger Olivenbäume und Bambushaine, die zu überraschenden Inszenierungen komponiert sind. Riesenhafte Augen schauen uns von den in den Himmel gereckten Fingern einer blühenden Staude an. Eine Kopie von Rodins „Denker“ hockt vor einem mit Unglückswesen beladenen Kahn, der die Flüchtlingskatastrophe Afrikas symbolisieren soll. Masken hängen an einem knorrigen Baumstamm, mannshohe Skulpturen und Tiere aus Draht überraschen im Gebüsch. Fünf Jahre haben André Heller und sein engster Mitarbeiter Gregor Weiss mit 20 marokkanischen Gärtnern an der Verwirklichung dieses Gartens gearbeitet, der im April 2016 geöffnet wurde. „Anima“ – das bedeutet so viel wie „Seele“, „Lebenskraft“.

Zu Besuch bei Einheimischen gibt es den traditionellen Tee

Vom grünen Ourika-Tal führt eine Straße in den Hohen Atlas hinauf. An die Berghänge schmiegen sich die traditionellen Berberdörfer mit ihren Häusern aus Steinen und Lehm. Auf einer Bergkuppe in dem kleinen Ort Ait Amer besuchen wir die Familie von ­Ibrahim Ait Braime. Er führt uns eine Treppe hinunter zu der traditionellen Feuerstelle, die in den Felsen gehauen wurde. Auf dem offenen Feuer schmoren zwei Töpfe übereinander. Walnüsse, Obst und drei Sorten Wacholder baue die Familie an, berichtet Ibrahim. Im Wohnzimmer bereitet der Hausherr den traditionellen Tee mit frischer Minze zu, dreimal in der Kanne hin und zurück gegossen, bevor er seinen Gästen einschenkt.

Der höchste Berg im Hohen Atlas ist mit 4167 Metern der Jebel Toubkal. Bei einer Schnuppertour auf abenteuerlichen Serpentinen erleben wir die grandiose Berglandschaft. Es ist unser Abschiedstag, den wir auf der Rückfahrt kurz vor dem größten Berberdorf Asni in der märchenhaften Kasbah Tamalot zelebrieren, mit Blick auf grün getupfte Berghänge des Hohen Atlas.

Tipps & Informationen

Pauschal FTI-Touristik bietet zur Wintersaison 2017/18 wöchentlich 18 Flüge von sechs deutschen Airports nach Agadir oder Marrakesch an. Eine einwöchige Kombination Marrakesch (drei Nächte) und Agadir (vier Nächte) inkl. Flug ab Hannover, Rail & Fly Ticket und Transfers z. B. am 21. November 2017 ab 569 Euro pro Person im Doppelzimmer.
Am 19. Januar 2018 ist die gleiche Reise ab 399 Euro buchbar. Längere Reisezeiten von 14 Tagen oder mehr sind möglich. Auskunft und Buchung auf www.fti.de, telefonisch unter 089/710451498 oder im Reisebüro. Sechs Tage Agadir kosten bei Tui inklusive Flug ab Hamburg ab 750 Euro, www.tui.com.

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch FTI-Touristik.)