Die spannendsten Sehenswürdigkeiten in Marrakesch sind… die Menschen!

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Falsche Touristenführer, der Zwang zu langen Hosen für Frauen bei 30 Grad und Abzocke bei Urlaubsfotos: Unsere Autorin hat in Marrakesch einiges erlebt. Warum sich eine Reise nach Marokko trotzdem lohnt.

Und dann, nachdem wir uns endlich durch die engen Gassen geschoben haben, stehen wir in einem offenen Hof. Rechts der Eingang zum El Badi Palast, einer der schönsten Sehenswürdigkeiten in Marrakesch und der ehemalige Herrschersitz des Sultans Ahmed el-Mansour. Geradeaus ein Soldat, der den Palast bewacht. Wir gehen auf den Eingang zu. Doch da steht noch jemand.
Tipp für eine Reise nach Marrakesch: Vorsicht vor falschen Fremdenführern!

Ein älterer Herr kommt auf uns zu, wedelt hektisch mit den Armen und sagt: „You want to go to the palace? It’s closed.“ Ich schaue den Mann mit dem grauen Schnäuzer und dem grauen Jackett an. „It’s closed?“ Keine Ahnung, warum er gerade uns anspricht. Aber er sieht irgendwie vertrauenswürdig aus und antwortet: „Yes, it’s closed for two hours. I’ll show you where to go.“

Erst geradeaus, dann rechts, dann um die Ecke und dann sei da die Moschee, sagt der fremde Mann. Er dreht sich in die andere Richtung und entfernt sich, immer weiter weg vom Palast. Wir sollen ihm folgen – und tun es ein Stück. Bis wir merken: Hier stimmt etwas nicht.

Es ist vier Uhr nachmittags. Im Reiseführer stand nichts von ungewöhnlichen Öffnungszeiten. Meinem Freund und mir wird klar: Der Mann will uns zu einer Moschee bringen, zu der wir gar nicht wollen.
Also bleiben wir stehen, ungefähr auf Höhe des Soldaten.
Marokkaner laden Touristen gerne zum Essen ein – und wollen dann Tabak verkaufen

Ich frage ihn, ob der Palast wirklich geschlossen ist. „Nein“, sagt der Soldat und zeigt in Richtung Eingang. Also drehen wir wieder um. Im Hintergrund hören wir noch, wie die beiden streiten.

So etwas passiert häufiger in Marrakesch. Touristenführer – zumindest geben sie sich als solche aus – stehen vor einer Sehenswürdigkeit oder in der Altstadt, fangen Touristen ab, sagen ihnen, die Sehenswürdigkeit hätte gerade geschlossen und schlagen stattdessen einen anderen Weg vor. Man nennt sie auch „Faux Guides“, falsche Führer.

Manchmal bringen diese Leute Touristen in einen Shop, wo sie angeblich den „besten Preis“ für Keramik oder Stoffe finden. Oder sie nehmen sie sogar mit zu sich nach Hause und laden sie freundlich zum Essen ein – um den Ausländern später Tabak, Tee oder Teppiche verkaufen.

Meine Erfahrung in Marrakesch? Religiös und weltoffen zugleich!

Tabak und Tee im Wohnzimmer eines Fremden kaufen? Für uns Deutsche ziemlich aus der Zeit gegriffen. Die Marokkaner mögen es traditionell, so scheint es. Auf der einen Seite. Aber auf der anderen Seite sind sie ziemlich weltoffen – immerhin gibt es Leute, die extra Touristen abfangen.

Für die Tradition wiederum spricht, dass das Land im Westen Afrikas mehrheitlich muslimisch geprägt ist: 99 Prozent der Bevölkerung gehören dem Islam an, schreibt das Onlineportal „Marokko.info“. Nur eine absolute Minderheit sind Christen und Juden.

Der Islam ist Staatsreligion und Marokko ist eines der wenigen Länder, die ein muslimisches Staatsoberhaupt haben. König Mohammed VI (Mohammed Ben Al-Hassan) setzt sich für die Rechte der Menschen und für die Umwelt ein, ist unter den Marokkanern sehr beliebt und wird auch „M6“ genannt.

Auf fast 35 Millionen Marokkaner kommen rund 50.000 Moscheen, schreibt die amerikanische Zeitung „New York Post“. Theoretisch können sich also 700 Einwohner eine Moschee teilen. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es 54.600 (katholische und evangelische) Kirchen für rund 82,5 Millionen Einwohner (Verhältnis 1 zu 1.510). Das zeigt, welchen Stellenwert die Religion im Land hat.

2015 reisten 615.000 deutsche Touristen nach Marokko

Für die Moderne spricht, dass die Anzahl der Touristen mehr und mehr steigt. Im ersten Halbjahr 2017 besuchten 6,5 Millionen Menschen das Land. Das schreibt das Onlinemagazin „Maghreb-Post“ und bezieht sich auf das marokkanische Ministerium für Tourismus. Damit nahm das Land umgerechnet 308 Millionen Euro ein.

2015 reisten allein 615.000 Deutsche nach Marokko, bis zum Ende des Jahrzehnts sollen es eine Million Touristen insgesamt pro Jahr werden. Schließlich ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen für das nordafrikanische Land.

Dass die Menschen aus Marrakesch auf Touristen eingestellt sind, zeigt sich nicht nur an Situationen wie der vor dem El Badi Palast, sondern auch im Handel. Der Platz Djemaa el Fna ist das Zentrum der Stadt. Täglich gibt es dort ein Spektakel zu beobachten.

Djeema el Fna in Marrakesch: Essen, Menschen, Sensationen

Ein Obstsaftwagen hier, ein Schlangenbändiger mit seiner Flöte dort. Hier rote Hüte, die Marokkaner traditionell tragen. Dort Touristinnen mit Henna-Tattoos. Abends finden sich dann verschiedene Trommlergrüppchen zusammen, um wild durcheinander zu spielen.

Essensverkäufer bauen Zelte, Bierbänke und Tische auf und kochen ihre Speisen frisch vor Ort. Rauchschwaden steigen aus den vielen Zelten empor, es riecht nach Gegrilltem. Die Verkäufer greifen vorbeilaufende Touristen am Arm, werben mit der „besten Qualität“ zum „besten Preis“ an ihrem Stand, reden ohne Punkt und Komma. Wenn sie einen hungrigen Gast für sich gewinnen konnten, klatschen sie, singen und lachen.

Sehr lecker ist ein Couscous-Gericht mit Gemüse. Oder eine Tajine, das Nationalgericht: Fleisch oder Gemüse, die stundenlang in einem speziellen Tontopf gekocht werden. An den Essenszelten gibt es auch ganze Ziegenköpfe zu kaufen – die essen aber eher die Einheimischen, weniger die Touristen.

Foto in Marrakesch mit einem Affen? Fünf Euro, bitte!

Auf diesem Platz der Sensationen erleben wir dann auch etwas, das wir später als eines unserer Urlaub-Highlights abspeichern werden. Gerade will ich auf den Boden zeigen und sagen: „Oh, guck mal, ein kleiner Affe, wie süß!“ Da sitzt er schon auf meiner Schulter. So dressiert ist das Tier, es trägt sogar eine Windel.

Wenn der kleine Primat dort schon sitzt, wollen wir auch ein Foto machen – obwohl wir wissen, dass sein Besitzer bestimmt Geld dafür haben will. 50 Dirham, umgerechnet fünf Euro, müssen wir für ein Foto blechen. Und der Besitzer lässt auch nicht mit sich verhandeln.

Einen viel besseren Deal kann ich aber an einem anderen Ort machen. Vom Platz Djemaa el Fna gehen viele enge Gassen ab, in denen nicht einmal ein Auto fahren kann. Rechts und links sind überall kleine Läden und Marktstände, natürlich voll mit Souvenirs.

Wir gehen vorbei an Gewürzbergen, Stoffen, Teppichen, Ledertaschen, lebendigen und toten Hühnern und Schlangenhäuten. Mein Blick bleibt an einem geflochtenen Korb hängen. Handgemacht, mit orangefarbenen Fäden verziert.

Richtig verhandeln in Marrakesch: So wirst du nicht abgezockt

Mit seinem Deckel sieht er aus wie ein übergroßer Eierbecher. „How much?“, frage ich den Mann in dem Laden. Er will 60 Dirham dafür haben. Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. Höchstens 10 oder 20 Dirham gebe ich Ihnen dafür, sage ich ihm.

Wir verhandeln noch ein paar Minuten weiter – und ich bekomme zwei Körbe für 50 Dirham. Meine Wut über den Affenbesitzer ist verflogen.

Ein gutes Verhandlungsgeschäft folgt nur auf eine gute Strategie: Da die meisten Verkäufer einen viel zu hohen Preis ansetzen, können Käufer auch einen viel zu niedrigen ansetzen. Am besten ist es, sich vorher zu überlegen, was einem das Produkt persönlich Wert ist: zum Beispiel eine Ledertasche für 50 Euro.

Die Differenz zu dem ersten Preisangebot des Verkäufers sollte dann auch die Differenz zum eigenen ersten Angebot sein. Wenn der Verkäufer also 90 Euro dafür haben will, sind locker 20 Euro drin als erster Preis. Im Idealfall kommen sich dann beide Seiten entgegen. Dabei hilft natürlich eines: starke Nerven.

Moschee in Marrakesch: Wenn die Muslime beten, bleibt die Stadt stehen

An einem Nachmittag sitzen wir gemütlich auf einer Dachterrasse und trinken den süßen Pfefferminztee, das Nationalgetränk in Marokko. Gegen zehn nach fünf am Nachmittag ertönt aus einem der Moscheentürme eine Stimme. Der Muezzin ruft die Muslime zum Gebet auf.

Klar, den Singsang kennt man auch aus deutschen Moscheen, denke ich mir. Doch dann passiert etwas, was ich noch nicht erlebt habe. Aus einem zweiten Turm höre ich noch eine Stimme, dann aus einem dritten. Und schließlich schallt auch eine vierte Stimme über den Platz Djemaa el Fna.

Es wirkt, als bliebe die Stadt kurz stehen. Alle Gläubigen müssen jetzt zum Gebet. Natürlich handeln die Verkäufer munter weiter, aber für einen Moment wirkt es so, als würde das Treiben da unten eine Pause machen.

Wenn die Religion so einen wichtigen Wert in dem Land hat, heißt das auch, dass Frauen anders behandelt werden, als wir es in Deutschland gewohnt sind. Viele Frauen in Marrakesch laufen vollverschleiert herum – und nur wenige tragen gar kein Kopftuch. Viele Männer tragen übrigens ein Gewand, das bis zum Boden geht, auch wenn sie nicht zum Beten gehen.

Verhaltensregeln in Marokko: keine kurze Hose, kein Top

Ich hatte schon vor dem Urlaub beschlossen, mich lieber an die ungeschriebene Kleiderordnung zu halten, also keine kurze Hose und kein Top zu tragen. Ich wollte ja nicht von älteren Frauen in der Altstadt angespuckt werden, weil ich zu wenig bekleidet wäre, wie ich vorher in einem Blogbeitrag gelesen hatte.

Mein Freund meint, mir sei auch ein paar Mal hinterher gepfiffen oder ein Kuss hinterher geworfen worden. Aber das habe ich gar nicht gemerkt. Nachts wäre ich nicht allein durch die engen Gassen in der Altstadt gelaufen – aber tagsüber hätte ich mich durchaus auch ohne Begleitung auf die Straße getraut.

Angst vor Gaffern? Muss man meiner Meinung nach in Marrakesch nicht haben. Ich finde, das zeigt, dass die Marokkaner an der Stelle doch modern sind. Oder zumindest an die vielen ausländischen Besucher angepasst.