Katar lockt mit Kultur

Das im März eröffnete National Museum of Qatar erinnert in seiner Form an eine Wüstenrose.

 
 
 

Das Nationalmuseum des Emirats hat in diesem Jahr eröffnet: Der französische Stararchitekt Jean Nouvel erschuf ein 350 Meter großes Gebäude in Form einer gigantischen Wüstenrose.

Mit Katar ist das ja so eine Sache. Die internationale Reputation ist schon seit Jahren lädiert und spätestens seit dem Totalembargo seiner arabischen Nachbarn eher ramponiert. Spekulationen um eine gekaufte Fußball-WM taten ihr Übriges. Umso mehr setzt das kleine Emirat alles daran, sein Image in der Region und in der Welt ordentlich aufzupolieren. Dazu stampfen die Katarer Materielles, Greifbares und Betretbares in Serie aus dem steinigen Wüstengrund: Luxusherbergen, extravagante Museen und futuristische Stadien. Schließlich wird dort schon im kommenden Jahr die WM angepfiffen. Außerdem soll die Hauptstadt Doha eine Metamorphose zu einem globalen Finanz-, Kultur- und Tourismuszentrum durchleben.

Nun ist Doha um eine echte Attraktion reicher. Das neue Nationalmuseum öffnete seine Pforten. Was der französische Stararchitekt Jean Nouvel dort erschaffen hat, kann man getrost als einzigartig, gar ikonografisch bezeichnen. Ein faszinierendes, 350 Meter großes Gebäude in Form einer überdimensionalen Wüstenrose, das sich trotzdem geschmeidig in die Umgebung einfügt. Fast leicht und filigran wirkt das Nationalmuseum und kann in seiner extraterrestrischen Komplexität vom menschlichen Auge doch erst mit gehörigem Abstand aus der Luft erfasst werden. 539 Lamellen fügen sich zu einem organischen Meisterwerk zusammen, das physikalische Gesetze einfach auszuhebeln scheint. Natürliche Wüstenrosen, auch etwas spröde Sandrosen genannt, sind übrigens meist nur faustgroße kristalline Gebilde, die aus dem Zusammenspiel von Sand, Salz und Verdunstung entstehen.

Gebäude zeigt drei historische Zeitabschnitte

Ähnlich beeindruckend ist das Innenleben: In zwölf Sälen ziehen 400 Millionen Jahre katarische Geschichte vorüber. Präsentiert wird das Ganze in einem Mix aus Artefakten und hochmoderner Multivision. Mit spektakulären archäologischen Funden aus Bohrungen, präparierten Haien, Schnecken und Korallen, über Präsentationen vom entbehrungsreichen Leben der Ziegenhirten und Perlenfischer bis hin zur Neuzeit. „Das von mir entworfene Gebäude musste diese drei Zeitabschnitte widerspiegeln“, so Architekt Nouvel. „Seine Architektur symbolisiert die Wüste, ihre Stille und Unendlichkeit, aber auch den Geist der Moderne.“

Die Gegenwart wurde schlagartig mit der Entdeckung von Erdöl und Erdgas eingeläutet, die das Emirat im vergangenen Jahrhundert in den Turbogang schalten ließ und ihm einen märchenhaften Reichtum bescherte und noch immer beschert.

Baumeister wie Jean Nouvel freut es. Auch das architektonische und kulturelle Wettrüsten am Golf dürfte dem Pritzker-Preisträger recht gelegen kommen. Geld spielt offensichtlich keine Rolle im Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Der Franzose war schon für den Louvre in Abu Dhabi verantwortlich. Vor der katarischen Haustür sozusagen. Nouvel relativiert naturgemäß. „Architektur reagiert nicht auf kurzfristige Ereignisse. Sie ist gebaut für die Jahrhunderte, die kommen, und die Jahrhunderte, die hinter uns liegen.“

An die Vergangenheit erinnert außerhalb von Museumsmauern im ultramodernen Doha mit seiner Skyline aus Glas und Beton indes recht wenig. Auch nicht die überdimensionale Skulptur eines galoppierenden Vollblutarabers oder anderer Kunstwerke im öffentlichen Raum.

Welch wohltuenden Kontrast doch die vorzeitlichen Taubenhäuser aus Lehm da abgeben. Doch auch die sind lediglich nachgebaut, wie viele andere Gebäude in der Altstadt. Nur die Dromedare, die auf einer Freifläche in der brütenden Sonne dösen, sind echt und sorgen für ein authentisch arabisches Flair. Jedenfalls für eines, das den Wunschvorstellungen westlicher Touristen entspricht, die mit den Märchen aus 1001 Nacht großgeworden sind.

Eine gelungene Mischung aus traditionell arabischer Architektur mit kubistischen Stilelementen ist das pyramidenförmige MIA, das Museum of Islamic Art, des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei. „Der Meister des Lichts“, wie Pei auch genannt wurde, starb im Mai im Alter von 102 Jahren in New York. Und wie sollte es anders sein, auch I. M. Pei war Pritzker-Preisträger. Nur die Crème de la Crème der internationalen Architektenszene ist den Katarern für solche Prestigeobjekte gut genug. Bis zur Eröffnung der Wüstenblume war das MIA an der Strandpromenade, der Corniche, über zehn Jahre lang die unangefochtene Nummer Eins unter den Museen des Emirats. Das kulturelle Aushängeschild der vertrockneten Scholle. Aus gutem Grund, denn auch die Kunstsammlung sucht ihresgleichen auf der Arabischen Halbinsel. Der PR-Clou ist jedoch das Gourmetrestaurant Idam von Sternekoch Alain Ducasse mit fantastischem Blick auf die Skyline Dohas und ebenso gutem Essen. Wobei der französische Maître mehr als Namens- und Lizenzgeber herhält und nur äußerst selten am Golf vorbeischaut.

Ob ikonografische Museumsbauten wie die Wüstenblume oder das MIA wirklich ausreichen werden, um Doha in einen touristischen wie kulturellen Hotspot von globaler Bedeutung zu verwandeln, bleibt indes abzuwarten. Ein Stopover auf dem Weg nach Asien lohnt aber auf jeden Fall.