In Ägypten entsteht eine Stadt der Superlative

Ministerien sollen 2020 einziehen

 
 
 

Ägypten leistet sich ein neues Verwaltungszentrum: Der höchste Wolkenkratzer Afrikas, eine Oper, eine Einkaufsmeile und Wohnungen für Millionen Menschen entstehen gerade fünfzig Kilometer von Kairo entfernt. Das Gelände lässt sich bestens überwachen.

In der Geröllwüste außerhalb von Kairo fahren Schwerlaster im Minutentakt hin und her. Sie bringen Baumaterial und nehmen auf dem Rückweg Erdreich mit. Derzeit entsteht hier eine Stadt der Superlative. Sie ist noch ohne Namen, irgendwann soll es einen nationalen Namenswettbewerb geben. Bis dahin heißt das Megaprojekt auch offiziell: Neue Verwaltungshauptstadt. Bauingenieur Ahmed El-Hussany: „Ich bin sehr froh, dass es dieses Projekt in unserem Land gibt. Wir entwickeln Ägypten. Wir können zugucken, wie die neue Hauptstadt wächst – es ist wie bei einem Kind.“

Ministerien sollen 2020 einziehen

Ahmed El-Hussany arbeitet für das deutsch-ägyptische Architektur- und Planungsbüro Ökoplan. Er fährt uns über das riesige Baugelände und beginnt natürlich dort, wo Ökoplan baut, in der Projektzone R03. Der Chef der Firma ist Tamer Elkhorazaty, er hat sein Unternehmen vor knapp 30 Jahren in Stuttgart gegründet: „Hai‘it al-thalet oder R03, das ist eine Wohnsiedlung von etwa 30.000 Wohneinheiten mit allem, was man dazu braucht, Schulen, Geschäfte, Büros, Verwaltung, Krankenhäuser, alles was man braucht.“ R03 ist fast fertig. Ebenso wie die Gebäude des neuen Viertels für die Ministerien des Landes, die von anderen Firmen errichtet werden. Tamer Elkhorazaty: „Die Ministerien werden, wie ich das mitbekommen habe, im Juni 2020 einziehen.“

In einem Werbevideo für das Projekt sind moderne schicke Gebäude zu sehen, wie man sie auch aus Dubai oder Shanghai kennt. Oder aus dem Stadtstaat Singapur, der in etwa dieselbe Ausdehnung hat wie auch Ägyptens neue Verwaltungshauptstadt nach Fertigstellung aller drei Bauphasen. Die Baustelle befindet sich mitten in der Wüste fast auf halbem Wege zwischen Kairo und dem Suez-Kanal rund 50 Kilometer östlich vom alten Stadtzentrum. Es wird ein Geschäftsviertel geben, das 21 Hochhäuser bekommen soll, darunter der dann höchste Wolkenkratzer Afrikas. Jüngst wurde in einem offiziellen Tweet sogar behauptet, man baue das höchste Gebäude der Welt. Es würde 127 Meter höher werden als der Burj Khalifa in Dubai, insgesamt also knapp 1000 Meter hoch.

Pro Jahr zwei Millionen mehr Einwohner

Das neue Regierungs- und Verwaltungszentrum Ägyptens erhält auch sonst alles, was es braucht: ein Kongresszentrum, ein Kulturviertel mit Opernhaus, einen Flughafen, einen Präsidentenpalast und und und. Dazwischen großzügige Alleen und idyllische Parks. Solche Projekte seien unheimlich wichtig für Ägypten, sagt Tamer Elkhorazaty: „Wo sollen die Menschen hin? Die Menschen brauchen Flächen zum Leben und zum Arbeiten, sie brauchen Flächen.“ Pro Jahr wächst die Bevölkerung des Landes um zwei Millionen Menschen. Insgesamt leben in Ägypten derzeit knapp 100 Millionen Menschen auf einer Fläche, die in etwa der des Freistaates Bayern entspricht. Der Rest ist unbesiedelte Wüste.

Der Großraum Kairo mit seinen schätzungsweise 22 Millionen Einwohnern befindet sich permanent am Rande des Kollapses. „Man sollte besser die vielen Städte entwickeln, die seit langem vernachlässigt werden. Es gibt so viele Orte, die nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren“, sagt Timothy Kaldas vom Tahrir Institute for Middle East Policy. Es wäre ihm zufolge sinnvoll, Ägypten zu dezentralisieren. Stattdessen schaffe man noch mehr Anreize für die Landflucht nach Kairo: „Es gibt so viele Menschen in Kairo, die viel lieber da leben würden, wo sie herkommen. Aber dort gibt es nicht genug Arbeitsmöglichkeiten. So haben sie entschieden, auf der Suche nach Arbeit nach Kairo zu kommen.“

Die Straßen zur neuen Hauptstadt lassen sich leicht absperren. Demonstrationen oder gar Massenproteste wird es da draußen nicht geben. Das gesamte Areal kann gut bewacht werden. Es entsteht der Eindruck, als schafften sich die Machthaber ein Art Disneyland, eine gated community für die Regierung und ihre Günstlinge, in der man Staatsgäste empfangen und Konferenzen abhalten kann, ohne vom Großstadtmoloch in der Ferne belästigt zu werden. Das sei das Gegenteil von dem, was eigentlich nötig wäre, sagt Timothy Kaldas: „Ägypten braucht eine Regierung, die sich direkt mit dem Volk beschäftigt, die mit dem Volk kommuniziert, seine Sorgen kennt und gemeinsam mit den Leuten Lösungen findet. Im Grunde bekommt der autoritäre Machtanspruch mit der realitätsfernen neuen Hauptstadt jetzt auch seine geografische Entsprechung.“

Deal mit Chinesen geplatzt

Derzeit gerät das Projekt ins Stocken, weil wichtige Investoren absprangen. Zuerst zog sich eine Firma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurück, dann machten die Chinesen einen Rückzieher. Inzwischen stehe kein ausländisches Geld mehr zur Verfügung, sagte Khaled Al Husseiny, der Sprecher der Projektgesellschaft, gegenüber der BBC. Zuletzt sei der Deal mit den Chinesen gescheitert, derzeit verhandele man mit Investoren aus Südkorea. Phase 2 und Phase 3 liegen auf Eis, Baubeginn ungewiss. Ein beteiligter Planer, der nicht namentlich genannt werden möchte, glaubt, dass in der neuen Verwaltungshauptstadt mittelfristig höchstens 1,5 Millionen Menschen wohnen werden – statt der sieben Millionen, von denen offiziell immer die Rede ist.