Porträt: Jazz vom Mittelmeer


 
 
 

In Israel geboren, in den USA ausgebildet, in Deutschland lebend: Der Pianist Omer Klein und sein Trio werden geliebt für ihre unerhörte neue Musik.

Gesprächspartner muss man nehmen wie sie kommen. Mal sitzt einem ein latent depressiver, waidwunder grauer Wolf gegenüber, der sich in der Rolle des lebenslangen Opfers wähnt, mal ein in Vorurteilen erstarrter Mitfünfziger.

Ein Austausch mit Omer Klein dagegen ist da die reine Freude! Der Mann tickt einfach ein bisschen anders als die meisten seiner Kollegen. Gewiss: Wie viele Andere hat sich der bald 37-Jährige auch auf das Pianotrio festgelegt. Aber genau das macht er einfach besser als der große Rest. So gut, dass er, als Israeli, momentan nicht nur in Europa als die Speerspitze dieses klassischen Besetzungsformats gilt.

Dabei gäbe es genügend Stoff zum Jammern. Beispielsweise über das harte Los eines jungen Mannes, der den Weg nach Deutschland wählt und dort auf so ziemlich jedes Ressentiment trifft, das im wiedererstarkenden Rechtsradikalismus einem Kippa-Träger entgegenschlagen kann. Oder über die Mühen eines einst namenlosen Tastenklimperers, der sein Glück ausgerechnet dort versucht, wo sich eben viele andere auch um ein Stück Brot anstellen.

In der Nachfolge von Michael Wollny und Joachim Kühn

Immerhin: Nach seinem Album „Fearless Friday“ von 2015 wurde der Branchenriese Warner auf den Musiker aufmerksam – ein Privileg, das im Jazz nur Superstars wie Brad Mehldau und Klaus Doldinger genießen. Dazu bekam das Omer Klein Trio 2018 auch noch als Ensemble des Jahres einen der letzten Echos Jazz – in Nachfolge wohlklingender Namen wie Michael Wollny und Joachim Kühn. „Wenn man sich zu sehr mit Fragen aufreibt, dann lässt man sich automatisch in eine der vielen Schubladen hineinfallen, die gerade für einen wie mich sperrangelweit offenstehen und aus denen es kein Entrinnen mehr gibt“, sagt Klein mit einem angenehm unprätentiösen Tonfall, der grundsätzlich ein Lächeln enthält. „Schubladen sind wie Fettnäpfchen. Ich muss da nicht hineintreten!“

Vielleicht ist er gerade deshalb so gut, so souverän und so unabhängig von allen Klischees, Erwartungen und der Tradition seines Genres. Auch hat er keine Angst. Vor der Zukunft genauso wenig wie vor Gegenwart und Vergangenheit. Für das Wagnis, seiner eigenen Musik zu vertrauen, steht sein neues Album „Radio Mediteran“ – neun erzählerisch dichte Eigenkompositionen, die stilistisch einen Bogen vom Modern-Jazz bis zu Balkan-Einflüssen und arabischer Volksmusik schlagen. Die Songs konzentrieren sich auf die vielfältigen kreativen Pflänzchen rund um das Mittelmeer, an dem Klein, Bassist Haggai Cohen-Milo und Schlagzeuger Amir Bresler aufgewachsen sind. Sie betonen gleichzeitig die Vielfalt und die Einheit der Kulturen dieser geschichtsträchtigen Region. Dafür verwendet Omer Klein erstmals auch Synthesizer. „Nach und nach erschien mir das Meer wie ein geheimer Kontinent, ein Kulturkreis, der viel mehr Gemeinsamkeiten hat, als sich viele Länder bewusst machen“, lächelt sich Klein auch durch dieses Thema. „Wir haben versucht, sie aufzusaugen und in einen neuen, persönlichen Kontext zu bringen, um am Ende vielleicht gar ein neues Genre zu schaffen.“

Anfangs war der israelische Schlagerund nordafrikanisch-jüdische Musik

Und so ist es dieser intensive, federleichte, kreative, betont tänzerische Klein-Sound, den Fans in Europa und Israel lieben. Kleins Spiel setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Verhangenheit, balladeske Kraft, Groove. Er ist Boss und Namensgeber, nur er komponiert. Aber auf der Bühne sind Cohen-Milo und Bresler gleichberechtigt.

„Ich wollte den Leuten von Anfang an etwas schenken. Eine Alternative zu den Social Networks und zur zunehmenden Technisierung.“ Während Jazzmusiker nach einer langen Nacht auf Sparflamme brennen, strahlt Klein schon mittags wieder jede Menge positive Energie aus. „Ich weiß, dass mein Publikum intelligent und empathisch genug ist, um zu erkennen, worauf es mir ankommt.“ Für Klein, den Unkonventionellen, begann der Reifeprozess schon in jungen Jahren. Er hörte im Radio pausenlos israelische Schlager. „Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Die Erfahrungen, die du zuhause machst, prägen dich auf eine ganz bestimmte Weise. Der Ort, von dem ich herkomme, ist nun mal das wunderschöne israelische Lied. Alles, was ich tue, gründet sich darauf.“ Und es gründet sich auch auf die religiöse jiddische Musik, das Piyut, ein gesungenes Gebet, mit dem der libysche Großvater in einer libyschen Synagoge Klein in Berührung brachte. „Es traf direkt in meine Seele. Also habe ich angefangen, mich mit nordafrikanisch-jüdischer Musik zu befassen.“

Omer Klein mag Mozart und Zappa,Bartok und Led Zeppelin

„Man kann nicht in Israel bleiben und im Jazz Karriere machen“, stellt Omer Klein fest. Welche Ironie: Israel besteht aus Immigranten, die von überallher kommen. Kulturen mischen sich quer durch Familien. Wer sich aber als Musiker der Mischkultur Jazz widmen will, muss emigrieren. Kleins Weg führte 2005 direkt in die USA, wo er bei Danilo Perez und Fred Hersch studierte. Von 2007 an begann er sich auf Tonträgern zu entpuppen, quer durch den gesamten Label-Garten, und entwickelte sich neben Avishai Cohen, Yaron Hermann, Shai Maestro, Anat Fort, Eli Degibri oder Gilad Hekselman zur Spitze des aufstrebenden israelischen Jazz.

Omer Klein mag Mozart, Monk, Evans und Jarrett genauso wie die Beatles, Bartok, Led Zeppelin und Zappa. Er will spielen, was ihn beschäftigt im Kopf – und nicht das, was Kritiker von ihm erwarten. Ein Phantom, ja das sei er. Unberechenbar. 2011 ging er nach Düsseldorf – der Liebe wegen. Dort unterrichtete er Meisterklassen, gewann 2013 den Förderpreis für Musik und komponierte für das Schauspielhaus. Seit kurzem hat es ihn nach Frankfurt verschlagen. „Ich fühle mich sehr wohl hier in Deutschland“, sagt er. Sein Geheimnis: Keine Angst.